Fertigung und Produktion

Actio gleich Reactio?

Was wie ein langweiliges physikalisches Gesetz klingen mag, bringt aus unserer Sicht unser Handeln gut auf den Punkt. Aktionen verfolgen das Ziel Reaktionen hervorzurufen, Diskussionen anzuregen und im besten Falle ein Umdenken zu fördern. Dabei ist es von Bedeutung, dass Aktionen ohne großen Aufwand relativ unkompliziert durchzuführen sind und dennoch genügend Potential bieten Aufmerksamkeit zu erzeugen und zum Nachdenken anzuregen.

Hier stellen wir Euch drei Aktionen Art vor, die uns gereizt haben sie selber auszuprobieren.


Warten ist relativ – Unsere erste Aktion

Der Ablauf der Aktion

Unsere erste Aktion zielte auf die Ungerechtigkeit an Ampeln ab, bei denen für die Fußgänger wesentlich längere Rotphasen bestehen als für den Autoverkehr. Ein solches Negativbeispiel fanden wir am Halleschen Tor in Berlin-Kreuzberg. Um den Missstand in die Öffentlichkeit zu tragen, bastelten wir zwei Pappschilder, auf denen jeweils die Wartezeiten für die Fußgänger und für die Autofahrer zu lesen waren. Damit sich das Warten angenehmer gestaltet, stellten wir zusätzlich ein paar Hocker und Stühle auf.

Die Reaktionen reichten von Skepsis bis Freude

Die ersten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Mehrere Passanten zeigten sich erfreut über unsere Aktionsidee und Autofahrer signalisierten Zustimmung. Daneben gab es auch einige Passanten zu beobachten, die Skepsis zeigten oder denen die Absicht unserer Aktion im ersten Moment nicht klar wurde und uns fragend ansprachen. Neben den spontanen Feedbacks suchten auch wir den Kontakt bei den Passanten. Mitunter entstanden dabei kurzweilige und spannende Gespräche, die thematisch über die Aktion hinaus gingen. Die Sitzmöglichkeiten wurden anfangs verhalten angenommen aber im Laufe der Zeit, wir halfen dem durch Selbsthinsetzen etwas nach, ermutigten sich immer mehr Wartende dem Angebot.

Der Erfolg der Aktion veranlasste uns, die Aktion an einem anderen Tag noch einmal durchzuführen. Diesmal erkoren wir einen Ampelüberweg am Hermann-Ehlers-Platz in Steglitz aus. Jedoch waren die Reaktionen sehr ernüchternd, sodass wir zum Halleschen Tor zurückkehrten. Diesmal bekamen wir mehr Rückmeldungen von Radfahrern. Schnell offenbarte sich, dass nicht nur den Fußgängern sondern auch vielen Radfahrern sich an den Ungerechtigkeit in den Wartezeiten stören.

Im Gesamten gestalteten sich die Reaktionen sehr vielseitig und von Skepsis über Interesse bis hin zum unaufgeforderten Benutzen der Stühle reichte.


Park dich ein, wann immer du willst! – Rent a Park(ing) Place

Ziel und Ort der Aktion

Die Aktion verfolgte das Ziel, die Funktion von Parkplätzen umzudefinieren, indem insgesamt drei zusammenhängende Parkplätze für die Dauer von mehreren Stunden so umgestaltet werden, dass man sich auf der Fläche ausruhen, sich unterhalten oder auch ein kleines Picknick veranstalten konnte. Als Materialien dienten Stühle, Tische, Hocker, Kunstrasen, Sonnenschirm, eben alles was man für ein „Picknick im Grünen“ braucht. Kaffee und Kuchen sorgten für das leibliche Wohl.

Vor dem Start der Aktion stand die Suche nach einem geeigneten Ort an. Die erste potentielle Örtlichkeit lag in der Nähe des Hackeschen Markts. Allerdings versagte uns die Polizei deren Anpeilung. Daraufhin änderten wir unsere Pläne, fanden Ersatz in der Sredzkistraße im Prenzlauer Berg und starteten die Aktion.

Die Reaktionen der Passanten

Auffällig waren die erstaunten Blicke vorbeifahrender Auto- und Radfahrer, als sie uns sahen. Die Zahl der verärgerten Autofahrer bewegte sich allerdings deutlich in der Unterzahl. Im Laufe der Zeit entwickelten sich vielseitige Gespräche zwischen jungen und alten Menschen. Bei den Gesprächen zeigte sich, dass die Bereitschaft, sich in seiner eigenen Mobilität neu zu orientieren durchaus vorhanden ist. Hemmnisse sind eher in den fehlenden Alternativen, die für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben notwendig sind, zu finden. Zudem störten sich viele an der starken Präsenz des Autos im öffentlichen Raum und der nachwievor hohen Priorisierung im Straßenverkehr. Insgesamt waren die Reaktionen durchweg positiv. Ernste Beschwerden oder ablehnende Haltungen waren nicht zu verzeichnen. Bis das Ordnungsamt vorfuhr…

Der Auftritt des Ordnungsamtes

Zirka zwei Stunden nach Beginn der Aktion forderte uns das Ordnungsamt auf, die Aktion unverzüglich zu beenden. Es ging bei der örtlichen Polizei ein Anruf ein, wonach sich ein Bürger über die „Parkplatzblockade“ beschwerte. Das Ordnungsamt untermauerte die Beschwerde damit, dass die Aktion einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr darstelle und wir als Versammlung gelten. Unsere Gegenargumente, das uns während der Befragungen keine ernsthaften Bedenken erreichten und wir ordnungsgemäß Parkscheine gezogen hätten, wurden abgewiesen.

Aktion als Chance oder Gefahr?

Schnell bildete sich bei uns der Eindruck, dass es den Mitarbeitern eher um das schlichte Wiederherstellen der öffentlichen Ordnung ginge als um das Finden eines Konsenses. Eine ernsthafte Diskussionsgrundlage wurde uns kaum eingeräumt, stattdessen nahm die Szenerie bizarre Züge an, als sie begannen mit emotionalen Elementen, wie Angst und Einschüchterung, ihre Sichtweise darzulegen. Ein Mitarbeiter eröffnete uns die Möglichkeit, entweder die Aktion abzubrechen, sodass das Ordnungsamt die Beamten noch zurückrufen kann oder dass mit strafrechtlichen Konsequenzen gerechnet werden müsse, wenn der Aufforderung nicht Folge geleistet wird. Wir würden uns damit unsere Zukunft verbauen und sollten an unsere Kinder denken…

An diesem Punkt angelangt, sahen wir keine Hoffnung mehr entschlossen uns zum Abbruch der Aktion. Während des Abbaus sprach uns noch ein Passant an, der die Mitarbeiter vorab beobachtete, wie sie hektisch telefonierten. Mit der Situation sichtlich überfordert, überlegten sie welche Paragrafen man anwenden kann, um gegen uns vorzugehen. Der Passant meinte, dass die Beschwerde der perfekte Anlass für das Ordnungsamt war, unsere Aktion abzuräumen.

Fazit zu den Erfahrungen

Ob die Polizei tatsächlich unterwegs war oder ob es den Anrufer jemals gegeben hat, wissen wir nicht. Aus der Sicht der Ordnungskräfte schien die Aktion eher als Gefahr, denn als Chance wahrgenommen worden zu sein. Die Potentiale, die eine Aktion bieten kann um einen öffentlichen Diskurs oder gar Umdenken anzustoßen, wurden bewusst oder unbewusst verkannt. Dennoch kann die Aktion rückblickend als Erfolg verbucht werden. Die Reaktionen der Passanten übertrafen die Erwartungen, ablehnende Haltungen blieben deutlich in der Minderheit.


Das „Mobile Autokino“

Aufbau

Unsere dritte und letzte Aktion stellt ein kleines, lustiges Unterfangen mit geringerem Aufwand dar. Gewöhnlich denkt man bei dem Begriff des Autokinos zunächst an das Anschauen von Filmen aus dem Auto heraus. Wir nahmen dieses Konzept auf und drehten es kurzerhand um. Nun wurden das Auto und die Straße zum Bestandteil des Films. Der Film und damit das Treiben auf der Straße werden dabei vom Bürgersteig aus beobachtet. Bewaffnet mit Stühlen und ausreichend Popcorn steuerten wir Straßen und Kreuzungen an und beobachteten still den Verkehr.

Irritation und Zurückhaltung

Die Autofahrer zeigten sich sichtlich irritiert, als sie uns erblickten. Einige beantworteten unsere gen Straße gerichteten Blicke mit einem verlegenen Winken. Vorbeieilende Fußgänger beobachteten uns interessiert aus der Ferne. Der zwischenzeitliche Umzug auf den Mittelstreifen führte jedoch dazu, dass uns nur wenige Passanten wahrnahmen. Eine besondere Situation entstand als ein Autofahrer tatsächlich neben uns anhielt (wohlgemerkt auf der linken Fahrspur) und uns kurz aber interessiert begutachtete. An der vierten und letzten Station zückten gar zwei junge Menschen ihre Kamera und fotografierten uns.

Trotz der vorab überlegten Standorte, die so gewählt wurden, dass unseres Erachtens die größtmögliche Aufmerksam erregt wird, waren die Reaktionen eher verhalten. Von jemandem angesprochen wurden wir während des gesamten Aktionszeitraums kaum. Das mag am Publikumsverkehr gelegen haben, der zum großen Teil aus Touristen bestand. Dennoch sind die Reaktionen als positiv einzustufen.


Unsere drei Beispielaktionen sollen für Euch einen Einblick geben, welche Aktionsformen möglich und in welcher Form sie organisatorisch umzusetzen sind. Dabei besitzt jede einzelne Aktion je nach Intention, Aufbau und der Örtlichkeit, an der sie durchgeführt wird, ihre eigenen Spezifikationen. Die Reaktionen können dabei sehr unterschiedlich ausfallen und sind abhängig von der Gruppe der Menschen, die angesprochen wird. Die Reaktionen der Behörden in Bezug auf Aktionen im öffentlichen Raum sollen Euch nicht entmutigen oder gar einschüchtern, denn wir sind rückblickend überzeugt, dass je mehr Aktionen im öffentlichen Raum stattfinden, desto eher kann sich eine Art Vertrauen bei ihnen entwickeln.

Habt Mut, organisiert Euch und werdet tätig! Unsere Informationen werden Euch dabei behilflich sein.

Ungerechte Wartezeiten
Ungerechte Wartezeiten
Aktion „Ungerechte Wartezeiten“
Rent a Park(ing) Place
Rent a Park(ing) Place
Rent a Park(ing) Place
Aktion „Rent a Park(ing) Place“

Meinungsbild

Das Schaubild verdeutlicht die Gewichtung der Meinungen zu den Aktionen. Dabei sind Aktionen gleichen Typs, die mehrfach stattfanden, zusammengefasst dargestellt. Es wird unterschieden zwischen der erwarteten Verteilung der Meinungen vor Beginn der jeweiligen Aktion und das tatsächlich beobachtete Meinungsbild. Das Meinungsbild wird in fünf Cluster unterschieden. Je größer ein Kreis ist, desto mehr Personen können dem jeweiligen Meinungscluster zugeordnet werden. Während die Cluster „erfreut“, „desinteressiert“ und „skeptisch“ zumeist kurze Feedbacks oder Bewertungen auf Grundlage von Mimik und Gestik basieren, so entwickelten sich bei „vertiefende Gespräche“ interessante Diskussionen über die Aktion oder das Aktionsthema hinaus. Der Cluster „Mitmachfaktor“ bezeichnet diejenige Personengruppe, die sich an der Aktion beteiligte.

Meinungsbild

Die Ampelaktion verlief besser als erwartet. Insbesondere die Sitzmöglichkeiten wurden rege angenommen. Ein größerer Anteil an Feedbacks wäre wünschenswert gewesen. Bei der zweiten Aktion war zwar der Anteil an positiven Meinungen zufriedenstellend, jedoch hatten wir die geringe Bereitschaft zum Mitmachen, welche zum Teil durch das hohe Desinteresse begründet war, nicht erwartet. Bei der Autokinoaktion überraschten uns das Desinteresse der Passanten sowie ebenfalls der geringe Beteiligungsfaktor. Das liegt unserer Meinung nach dran, dass sich die einzelnen Stationen des Autokinos in einem von Touristen dominierten Gebiet befanden.

Mobiles Autokino
Mobiles Autokino
Aktion „Mobiles Autokino“

Überblick aller Aktionen und Anmeldeformalitäten


Aktion „Ungerechte Wartezeiten I“
Aktion „Ungerechte Wartezeiten II“
Aktion „Ungerechte Wartezeiten III“
Aktion „Ungerechte Wartezeiten IV“
Aktion „Rent a (Park)ing Place I“
Aktion „Rent a (Park)ing Place II“
Aktion „Mobiles Autokino“
Aktion „Konzept Ernst-Reuter-Platz“
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